Aus Material zur Ausstellung
von Michael Busch, Filmemacher
Senza Misura - DER FLÜCHTIGE RAUM DER BILDER
Eine Partitur ist eine Gestaltung von Zeit mit Ereignissen und den Pausen
dazwischen, die die Ereignisse zum Leuchten bringen.
Hier, in diesem Raum, der Landschaft der Bilder McLovlas und Robert
Webers oszilliert diese Partitur zwischen der Flüchtigkeit einer Spur und
dem Vertiefen in den Inhalt der Einzelwerke.
ZUGFENSTER
Am Ende des Films Wolfzeit von Michael Haneke entlässt eine minutenlange
Einstellung aus einem Eisenbahnfenster die Zuschauer aus dem mystisch
imaginären Grenzland des Films in eine europäische Wald und
Wiesenlandschaft, bei deren Anblick nach einiger Zeit auffällt, daß da keine
menschlichen Spuren darin zu finden sind. Keine Siedlungen, Strassen,
Wege, Überlandstromleitungen sind zu sehen - jedenfalls in meiner
Erinnerung an den Film nicht - es ist der Ausblick auf eine flüchtige
Landschaft, die parallel zu einem dahinhuscht, vorbeigezogen wird, wenn
man sich vorstellt, für einen Augenblick, das Zugfenster ist statisch, steht
still und das Draussen bewegt sich dazu.
Die Bewegung, der rasende Stillstand, verläuft in einer Art Parallelwelt, vor
dem Fenster, vor die Netzhaut gespannt wie eine Rück- Projektions-
Leinwand, auf die die durchfahrene Landschaft projiziert wird.
Eine solche Durchfahrung findet ihren Niederschlag in dem Bemühen, diese
Landschaft, diese Leinwand anzuhalten, der Flüchtigkeit einen Ort, eine
Heimat im Bilde zu geben.
BLINZELN
"Kunst braucht Diffusion. Shakespeares Bilder sind geräumiger als Brechts,
weil sie weniger genau sind. Wenn man weniger sieht, beschreibt man mehr.
Wenn Robert Wilson seine Arbeit erklärt, kommt er immer wieder auf das
Blinzeln zu sprechen. Was sieht man während des Blinzelns? Das Blinzeln
gibt stets ein anderes Bild von Welt, von Wirklichkeit. Dieses Bild wird
immer vergessen. Es wird weggesehen"
Heiner Müller im Gespräch mit Frank Raddatz in Lettre International,
Ausgabe März 1994
"Kunst braucht Diffusion", behauptete einst Heiner Müller. Je ungenauer die
Bilder in der Beschreibung seien, desto räumlicher werden sie. Nach dem
Motto "Wenn man weniger sieht, beschreibt man mehr" verschiebt sich die
Lesbarkeit eines Bildes vom Sichtbaren ins Unsichtbare.
(Ein Bild braucht einen Spezialisten, der es lesen kann)
Die Geschwindigkeit gibt das Verschwinden vor, am Rande der Autobahn,
im Niemandsland zerfällt der vorbeischwebende Blick mit dem BLINZELN in
einzelne Splitter, zersplittert die Landschaft, die vorher einem Gummiband
ähnelte.
Mit diesen Splittern betritt man einen Zwischenraum, die Welt, in der der
"Bruch der Gefäße" stattfand, die sich daran gleichsam als an ihr eigenen
Trauma, nicht erinnert, eine Welt in Bewegung, Unschärfetheorien
absobierend, eine Welt, die in der Bewegung von der Statika träumt. Eine
träumende Landschaft, dei vorbeifließt, ein träger Strom,
zusammengehalten durch die Bilder, die ineinanderschmieren, Bewegung
suggerierend.
Eine Landschaft ist wie ein Bildnis immer auch als imaginierter Ort zu
denken, ein Gefäß zur Aufbewahrung der eigenen Projektionen.
In sich selbst ruhend, indem sie die Geschwindigkeit als Flüchtigkeit
antizipiert, eine Landschaft vielleicht, die wegdriftet, die immer weniger
fassbar wird in ihren einzelnen Komponenten WALD FELD INDUSTRIEGEBIET.
Eine Landschaft, die Spuren hinterlässt, nicht nur die Spuren, die in sie
eingegraben sind durch die menschliche Zivilisation, Spuren auch,
Bewegungsspuren, die dem Bewegungsschreiber unterlaufen.
SPUREN
Wir leben in einer Welt, in der nicht zuletzt durch technische Reproduktion
eine Unmenge SPUREN vergangener Ereignisse sich angesammelt haben, die
unseren Alltag begleiten, materielle, auch: Virtuelle Spuren
SPUR definiert als das, was abfällt, zurückbleibt, ungenießbar ist, vielleicht,
unkonsumierbar,d.h. unsere Welt ist voll von Spuren aller Art, die für uns
wie Abfall anmuten.
Die Spur führt zurück zur Geschichte.
Was bleibt von einem Ereignis bestehen, wenn seine Zeitdauer abgelaufen
ist?
Eine Er-Innerung im Gedächtnis
Über den Begriff der Spur versucht Derrida (in seinem Vortrag:
"Freud und der Schauplatz der Schrift" am Institut für Psychoanalyse aus
dem Jahr 1966)
anhand Sigmund Freuds Untersuchungen eine Analogie zwischen
GEDÄCHTNIS und SCHRIFT herzustellen:
Ausgangspunkt ist die These:
"Von den Wahrnehmungen, die an uns herankommen, verbleibt in unserem
psychischen Apparat ein Spur, die wir ´Erinnerungsspur`heißen können"
(Freud, Wunderblock)
Derrida übersetzt die Erinnerungsspur mit "Umschrift":
"Es gibt keinen präsenten Text im allgemeinen und selbst keinen
gegenwärtig vergangenen Text; ein vergangener Text, der gegenwärtig
gewesen wäre. (...) Der unbewußte Text ist schon aus reinen Spuren und
Differenzen gewoben, in denen Sinn und Kraft sich vereinen; ein nirgendwo
präsenter Text, der aus Archiven gebildet ist, die immer schon Umschriften
sind. Alles fängt mit der Reproduktion an."
ENDE
Dies sind nun einige Assoziationsräume zu den hier ausgestellten Bildern.
Sie beziehen sich auf die Bildinhalte, die Hängung -das Blinzeln der
Abstand/ die Pause in der Partitur- und das Spurhafte, die Bahnung, die
Erinnerungsarbeit, die in ihnen geleistet wird.
In der Vereinzelung und Konservierung flüchtiger Momente ist die Flucht
selbst mit eingeschrieben, die Flucht aus der Wolfszeit, die Asche des
Ausgeprochenen, Erinnerten.
Die Zeit nimmt sich Raum -die Bilder Wucherungen der Zeit - erschafft so
eine Fülle von Spuren, die nun in die BILDER eingedrungen sind als Ladung,
als unerklärter Rest, als Relikt.
Und werden Musik…. |